Das Visa Vie-Problem: Die Kunst der Content-Qualität in der Social-Media-Welt

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Das Visa Vie-Problem:
Cents im zerbrochenen Glas


Die Kunst von Content-Qualität und „Kommentarkultur“  in der Social-Media-Welt

Wir leben in einer Welt, in der man den Eindruck hat, Menschen machen für Klicks einfach alles. Wer am lautesten und meisten schreit, findet im Web Gehör.
Tja, so ist das wohl in der schönen neuen Social-Media-Welt: Hauptsache Aufmerksamkeit.
Aufmerksamkeit bedeutet Reichweite und Reichweite bedeutet Geld, das denken viele.
Tipps wie „Jeden Tag ein Post“ funktionieren, um sich mit Facebook und Co gut zu stellen, aber was wird dabei aus der Qualität der Inhalte?
Kann ein Künstler jeden Tag ein gutes Foto oder Video produzieren?
Nur um den „Rankingalgorithmen“ von Facebook, Google und YouTube zu genügen?
Sicherlich nicht!
Was macht man, wenn man trotzdem mithalten möchte? Man verbreitet Spam und Persönliches.
Weniger ist da oft mehr: Für Nischenkünstler kann der Versuch den Massen zu gefallen sogar ein fataler Fehler sein.


Was will das Social-Media-Publikum überhaupt?

Natürlich Massenunterhaltung.
Nischenkunst, spricht eine gewisse Zielgruppe an, sie ist nicht automatisch massentauglich. Künstler, die versuchen ihr Werk so zu verändern, dass es der Masse gefällt, laufen immer Gefahr ihre Fans zu verprellen.
Außerdem sollte man folgendes beachten:
Wenn Kunst kommerziell wird, muss sie sich deswegen noch lange nicht gut verkauft.

Was macht Massenkunst aus?

Massenkunst ist meist leicht verdaulich und total flauschig. Popcorn-Kino darf nicht anecken. Das gleiche gilt für Songs, die im Radio gespielt werden und die Charts stürmen. Die Masse bevorzugt es verträglich und oberflächlich. Da gleiche gilt in leicht veränderter Form auch für Facebook und YouTube. Willst du da erfolgreich sein musst du die Masse ansprechen.

Geld verdienen ohne sich und die Kunst zu opfern?
Wie löse ich als Künstler das Problem meine Kunst zu verkaufen, ohne sie zu opfern?
Seine eigenen Vorstellungen umzusetzen, ohne das Publikum zu verlieren, das ist die wahre Kunst.
Ich führe mal ein aktuelles Beispiel an, wo das geglückt ist und nenne das Problem deswegen auch „Visa Vie-Problem“.

Das Visa VieProblem:
Von Zielgruppenänderung und Monetarisierung in der neuen You-Tube-Welt.

  Visa Vie ist Schauspielerin, Rapperin und Moderatorin. Sie ist bekannt aus Radio Fritz und durch die Hip-Hop-Plattform 16 Bars, für die sie jahrelang gearbeitet hat.

Sie macht jetzt ihr eigenes Ding. Ein Talk-Format in einer Bar, vergleichbar mit der Letzten Runde oder Inas Nacht
(nur ohne Shanty-Chor).

Was hat das mit Kunst und Geldverdienen zu tun?
Eine ganze Menge, denn die etablierte „Umsonstkultur“ nimmt es für selbstverständlich, Kunst, Bilder, Musik und Informationen für lau zu erhalten.
Visa Vie startet also ihr eigenes Format, dass sie auch scheinbar selbst vorfinanziert.
In einem der Kanal Videos entschuldigt sie sich vorab, dass sie mit dem Format auch Geld verdienen möchte: „Das wäre schön wenn man damit auch Geld verdienen könnte“.

Keine aufwendige Produktion kann ohne Sponsoren, Werbung oder Produktplatzierungen auskommen.
Kunst kostet Geld!
Genau wie Entertainment oder Journalismus.
Wenn sich jemand dafür entschuldigen muss, dass er seine aufwendig produzierten Inhalte auch zukünftig gegenfinanzieren möchte, finde ich das schon bedenklich.
So etwas sollte selbstverständlich sein!

Was funktioniert denn in der You-Tube-Masse?
Sind Konsumenten undankbar?

Nein, ein Konsument geht nur nach seinem Geschmack und seinen Bedürfnissen.
Bei einem Interwieformat orientiert sich der Massenkonsument an zwei Faktoren:

1) Wer stellt die Fragen?
2) Welcher Star ist zu Gast?

Ob ein Massenkonsument ein Qualitätsplus im Bühnenbild und der Produktion zu schätzen weiß, bezweifele ich. Aber das wird die Zukunft zeigen. Allgemein kann man aber sagen, dass die Masse der YouTuber sich vor allem durch den Personenkult auszeichnet. Die Qualität der Videos ist dabei oft nicht so entscheidend wie die Person, die auf dem Video ist.
Visa Vie hat einen treuen Fankreis unter den 16Bars Zuschauern. Das ist einerseits Segen und Fluch zugleich (Rapfans gelten nicht als die „bravsten“ was Kommentarkultur betrifft)
Man mag denken Visa Vie hätte es schon geschafft:
Sie hat über 120.000 Facebook-Likes
und ihr neuer YouTube-Kanal auch schon über 40.000 Abonnenten und das, obwohl sie ihn erst am 06.10.2015 eröffnet hat.
Menschen hören ihr also zu.

Reichweite bringt nicht immer Geld:

Pennies in a broken Glas:

Heute Geld mit YouTube zu verdienen ist, wie wenn man in einem zerbrochenen Glas nach Cents fischt.
Mann kann sich leicht schneiden, aber hey, wenn man das 50 mal macht hat man die Kohle für eine Kugel Eis zusammen.
Das trifft jedenfalls zu, wenn man Alternativen-Content schaffen möchte. Also wenn kein funktionierendes Rezept blind kopiert wird: Damit meine ich, z.B. die gängige Videotypen, die massentauglich sind, (wie „Schminkvideos“, brachiale Comedy, oder Lets Plays), und die darauf abzielen ein Personenkult aufzubauen („Star“-Status). Die Finanzierung funktioniert dann über Merchandising, Produktplatzierungen und Werbung.
Die Folge: Die Inhalte fallen irgendwann über Bord.

Lohnt sich der Aufwand bei Alternativem-Content, wenn es „nur“ ums Geld geht?
Sicherlich nicht!

Zahlen über Zahlen
Social-Media-Zahlen zeigen nur die Reichweite an. Der Irrtum das viele Zuschauer auch automatisch Geld bringt ist weit verbreitet.
Angesehen werden alle möglichen Inhalte, aber bringen diese dem Produzenten auch Geld ein?
Das hängt nicht nur von den Produktionskosten und dem Aufwand ab, der in die Kunst gesteckt wird.
Bei einem „Werbevideo“ ist es super wenn es eine hohe Reichweite hat. Ist noch ein Affiliate-Link drin, dann ist das noch besser!
Wenn es aber um ein Interview geht, dass keinen „Kommerzialisierungspotential“ hat, dann bringen viele Klicks nicht automatisch den Geldsegen.
Dank Addblockern gehen auch seit Jahren die Werbeeinnahmen der YouTuber zurück. Das spüren vor allem die „kleineren“ YouTuber.
Faustformel zur YouTube Werbung wie  „pro 1000 Klicks sind 2-4 $ drin“ gelten, schon lange nicht mehr blind.
Selbst wenn, bei dem Spiel gewinnen nur die ganz Großen, die geringe Unkosten haben.

Ein Banker schaut nach dem Geld, ein Künstler nach der Kunst.

Die Frage nach dem Geld darf sich ein Künstler nicht zu intensiv stellen.
Wenn er das tut, läuft er auch Gefahr der Masse nach dem Mund zu reden und fertigt nur noch „Auftragsarbeiten“ an.

Nichts gegen Auftragsarbeiten!
Jeder muss „Brot-und-Butter-Jobs“ machen. Wenn das aber überhandnimmt und an einem frisst ist, das nicht gut. Ich kenne einen Fotografen der deswegen seinen Beruf an den Nagel gehängt hat, um eine Kneipe aufzumachen.
Dadurch erhielt er die Freiheit in seiner Freizeit das zu fotografieren, was wer wollte.
Die Wage zu halten zwischen dem was sich verkauft und dem was man schaffen möchte, ist das Problem jedes Künstlers.

Interviews macht Visa Vie richtig gut!

Über Jahre unterhaltsame und informative Interviews zu produzieren, dass schafft nicht jeder. Klar, da steckt auch immer ein Team dahinter, aber im Gespräch mit als „schwierig“ bekannten Künstlern einen guten Job abzuliefern, ist Visa Vie zuzuschreiben.
Schaut Euch ihre populären 16Bars-Interviews an, dann versteht Ihr, was ich meine.

Warum You Tube? Visa sollte lieber Lanz ablösen!

Was sagt das Publikum dazu?
Darf man überhaupt auf das Publikum hören?

Die Kommentarkultur im Internet ist rau.
Das gilt besonders für You Tube und ganz besonders, wenn man sich an Rap-Fans richtet. Die waren in den letzen 4 Jahren Visa Vies Zielgruppe. Unter solchen Videos fallen oft „klare“ und ungeschönte Worte.
Polarisieren gehört zur Kunst dazu und die Schmähkritik der Zuschauer macht oft auch nicht vor dem Interviewer halt.
An den moderne Pranger der Social-Media-Welt wird jeder gestellt und mit virtuellen Tomaten beschmissen, der den Kopf rausstreckt.

Die angebliche Kommentarkultur. Ein Wiederspruch?

YouTube zeichnet sich doch (im Gegensatz zum toten Fernsehen) angeblich durch eine „Kommentarkultur“ aus. Das Medium bietet die Möglichkeit eines direkten Austauschs mit den Zuschauern.

Sollte man das überhaupt tun?

Wenn man die Masse ansprechen will und Millionen von Abonnenten will, wird man das wohl müssen.

Pöbelkultur passt wohl besser

Das YouTube Format „Dislike“:

zeigt, was passiert wenn man die Konfrontation mit besonders plumpen Videokommentaren sucht:

Beleidigungen, Pöbeleien und oft auch ein Rechtschreibmassaker ergeben meist beschämte Reaktionen der Künstler, die sich damit auseinander setzen müssen.

Ist das ein Qualitätsplus zum Fernsehen, wenn man sich von Hinz und Kunz beschimpfen lassen kann?

Wenn man sich zu sehr auf das Publikum konzentriert, sinkt zwangsläufig die Qualität der Kunst.
Klar das ist auch plattformabhängig, einige Blogs haben eine wirkliche Kommentarkultur. Diese geht aber fast immer vor die Hunde, wenn es sich um hunderte von Kommentaren handelt.

Was ist die Lösung: 1000 true Fans?

Klasse statt Masse, das ist der Ansatz der „1000-true-Fans-Idee“ von Kevin Kelly aus dem Jahr 2008. Man braucht nur eine treue Anzahl von Menschen, die den Künstler unterstützen.

Tja, wenn das so einfach wäre:
Viele Künstler lösen das Geld-vs.-Kunst-Problem durch einen Kompromiss. Einige „Brot-und-Butter-Jobs“ ermöglichen freie Projekte. Die halten den Kunstfunken am Leben ohne, dass man sich von anderen reinreden lässt.
Sponsoren, Produktionsteam, Zuschauern, Kritikern, Kunden und Drogen haben eins gemeinsam:
Alle haben das Potential Kunst und Künstler kaputt zu machen.

Mann kann auch sagen: Anspruch bringt weniger Gewinn.

Auf einem Medium, das bevorzugt von Teenagern und Twens genutzt wird, ist es schwierig einen Anspruch mit Wachstum und Gewinn in Einklang zu bringen.
Wachstum schafft man als Interviewer, wenn man sich populäre (sprich bei YouTube gesuchte) Künstler konzentiert: Solche Interviews werden geklickt. Alle funktionierenden Interviewformate gehen so vor.

Ich bin gespannt, ob Visa Vie die Waage zwischen Kunst und Gewinn halten kann, jedenfalls drücke ich die Daumen und würde mich freuen wenn ihr Format Erfolg hat.

 

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